Wer ein Museum betritt, erwartet meistens Objekte hinter Glas, erklärende Schilder und vielleicht einen Audioguide. Dieses Bild stimmt für viele Häuser in Baden-Württemberg schon länger nicht mehr. Seit einigen Jahren verändert sich das Verhältnis zwischen Institution, Wissenschaft und Publikum grundlegend. 2026 wird das besonders deutlich sichtbar, weil mehrere größere Projekte gleichzeitig in die Umsetzungsphase gehen.
Vom Aufbewahrungsort zum Forschungsraum
Der klassische Gegensatz zwischen Depot und Ausstellungsraum löst sich auf. Museen öffnen ihre Sammlungen zunehmend für externe Forschende, digitalisieren Bestände in einem Tempo, das noch vor fünf Jahren undenkbar schien, und binden dabei das Publikum aktiv ein. Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart etwa hat seit 2023 rund 140.000 Objekte seiner Sammlung online zugänglich gemacht. Bis Ende 2026 soll die Zahl auf über 200.000 steigen.
Das ist kein reines Digitalisierungsprojekt. Hinter jedem erfassten Objekt steckt kuratorische Arbeit, Provenienzrecherche und oft auch die Zusammenarbeit mit Universitäten. Das Naturkundemuseum Stuttgart koordiniert derzeit gemeinsam mit der Universität Tübingen ein Citizen-Science-Projekt zur Inventarisierung von Insektensammlungen aus dem 19. Jahrhundert. Freiwillige erfassen Fundorte und Artnamen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werten die Daten für Biodiversitätsstudien aus. Stand Frühjahr 2025 haben sich über 1.800 Personen registriert.
Kulturvermittlung als Brücke zwischen Fach und Öffentlichkeit
Kulturvermittlung bedeutet heute mehr als geführte Schulklassen und Ferienprogramme. Die Abteilungen, die früher „Pädagogik“ hießen, arbeiten inzwischen häufig unter Begriffen wie „Audience Development“ oder „Public Engagement“ und denken strukturell anders. Es geht darum, welche Bevölkerungsgruppen ein Museum bisher nicht erreicht, warum das so ist und wie sich das ändern lässt.
Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe hat 2024 eine Befragung unter rund 2.400 Personen durchgeführt, die das Museum in den vergangenen zwei Jahren nicht besucht hatten. Ergebnis: Für 38 Prozent der Befragten spielte das Themenspektrum keine Rolle bei der Entscheidung, fernzubleiben. Entscheidender waren Faktoren wie Öffnungszeiten, Erreichbarkeit und das Gefühl, dass das Haus „nicht für mich gemacht“ sei. Auf dieser Grundlage hat das Museum ein Abendprogramm an Donnerstagen eingeführt und kooperiert seit Januar 2025 mit lokalen Vereinen aus der Stadtgesellschaft.
Digitale Infrastruktur als Grundlage
Ohne technische Basis ist vieles davon nicht realisierbar. Baden-Württemberg hat im Rahmen des Strukturprogramms „Museen digital BW“ zwischen 2022 und 2025 insgesamt 14,3 Millionen Euro in Digitalisierungsvorhaben investiert. Die Mittel flossen nicht nur in Scans und Datenbanken, sondern auch in die Schulung von Personal und den Aufbau gemeinsamer Metadatenstandards zwischen den Häusern.
Wer sich einen Überblick über die Breite der Museumslandschaft im Südwesten verschaffen will, findet auf dem Portal Baden Württemberg Museen eine strukturierte Zusammenstellung der beteiligten Einrichtungen und laufenden Projekte. Die Vernetzung zwischen großen Landesmuseen und kleineren Spezialmuseen ist dabei kein Selbstzweck: Gemeinsame Plattformen reduzieren Dopplungen bei der Erschließungsarbeit und ermöglichen thematische Querverweise, die ein einzelnes Haus allein nicht leisten könnte.
Ein konkretes Ergebnis dieser Vernetzung ist das digitale Verbundprojekt „Schätze des Südwestens“, an dem 23 Museen teilnehmen. Nutzerinnen und Nutzer können über eine gemeinsame Oberfläche Objekte aus unterschiedlichen Sammlungen nach Epoche, Material oder Region durchsuchen. Seit dem Launch im Oktober 2024 wurden über 580.000 Seitenaufrufe registriert.
Partizipation ohne Staffage
Partizipation ist ein viel genutztes Wort im Museumsbetrieb, und zu Recht ist es auch ein viel kritisiertes. Wenn Besucherinnen und Besucher Zettel an Pinnwände hängen dürfen, ohne dass die Ergebnisse irgendjemanden interessieren, ist das keine Beteiligung. Die Diskussion darüber, was echte Partizipation ausmacht, hat in Baden-Württemberg in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen.
Das Museum der Alltagskultur in Waldenbuch hat zwischen 2023 und 2025 ein Modellprojekt umgesetzt, bei dem Besuchende Objekte aus ihrem Haushalt einreichen konnten, die in eine Ausstellung zum Thema „Arbeit und Freizeit seit 1970“ aufgenommen wurden. Von rund 900 Einsendungen landeten 147 tatsächlich in der Schau, jeweils mit einem kurzen Audio-Statement der Einreicherinnen und Einreicher. Die Ausstellung verzeichnete in drei Monaten 28.000 Besucherinnen und Besucher, rund 40 Prozent mehr als bei vergleichbaren Vorgängerprojekten.
Forschung und Vermittlung als gemeinsamer Prozess
Was sich strukturell verändert, ist die Reihenfolge. Früher endete Forschung, und dann begann Vermittlung. Dieses Nacheinander gilt für viele Häuser nicht mehr. Kuratorinnen und Kuratoren entwickeln Ausstellungskonzepte gemeinsam mit Vermittlungsteams, und manchmal auch gemeinsam mit dem Publikum, bevor die wissenschaftliche Arbeit abgeschlossen ist. Das verändert, was am Ende zu sehen ist, und auch, wie es gesehen wird.
Folgende Merkmale kennzeichnen Häuser, die diesen Ansatz konsequent verfolgen:
- Vermittlungspersonal ist von Beginn an in Konzeptionsprozesse eingebunden
- Ausstellungstexte werden mit Testgruppen außerhalb des Fachpublikums erprobt
- Forschungsergebnisse werden in Echtzeit kommuniziert, nicht erst nach Abschluss
- Rückmeldungen aus dem Publikum fließen dokumentiert in Folgeausstellungen ein
Ausblick: Was 2026 konkret ansteht
Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart eröffnet im Herbst 2026 eine Dauerausstellung, die vollständig nach diesen Prinzipien erarbeitet wurde. Zwei Jahre lang gab es öffentliche Werkstattformate, Online-Konsultationen und Fokusgruppen aus verschiedenen gesellschaftlichen Milieus. Ob das Ergebnis hält, was der Prozess verspricht, wird sich zeigen. Aber allein die Methode ist für ein Landesmuseum dieser Größe ungewöhnlich.
Parallel dazu plant das Kunstmuseum Stuttgart eine Kooperation mit drei Hochschulen für angewandte Wissenschaften, bei der Studierende kuratorische Positionen übernehmen und eigene Ausstellungsmodule entwickeln. Start ist März 2026. Solche Formate sind kein Ersatz für professionelle Kuratorenarbeit, aber sie zeigen, dass Institutionen bereit sind, Deutungshoheit zu teilen.
Die Museen in Baden-Württemberg sind 2026 keine anderen als noch vor zehn Jahren. Aber die Art, wie sie Forschung und Gesellschaft in Verbindung setzen, hat sich verändert. Weniger Einbahnstraße, mehr Austausch. Ob das trägt, hängt davon ab, ob die Ressourcen gesichert bleiben und ob der politische Wille vorhanden ist, diese Entwicklung langfristig zu unterstützen. Beides ist derzeit nicht garantiert.






