Wer eine Strickkrawatte trägt, entscheidet sich bewusst gegen das Glatte und Konventionelle. Das Accessoire hat eine eigene Geschichte, die weit über die aktuelle Vintage-Mode hinausreicht. Vom frühen 20. Jahrhundert bis in Boutiquen und Männermodemagazine der Gegenwart hat die gestrickte Krawatte mehrfach die Seiten gewechselt: zwischen Arbeitstracht, Intellektuellensymbol und gepflegtem Freizeitlook.
Anfänge im frühen 20. Jahrhundert
Die frühesten dokumentierten Strickkrawatten stammen aus den 1910er und 1920er Jahren in den USA und Großbritannien. Anders als die seidige, handgewebte Krawatte wohlhabender Schichten war die gestrickte Version schlicht und günstig in der Herstellung. Wolle oder Baumwolle, einfache Struktur, meist in Einheitsfarben: Das war kein Luxusartikel, sondern Alltagskleidung für Fabrikarbeiter, Hafenarbeiter und Handwerker. Die Krawatte galt damals als universelle Pflicht im öffentlichen Erscheinungsbild, und wer sich keine gewebte leisten konnte oder wollte, griff zur gestrickten.
Die typische Form dieser frühen Exemplare war rechteckig, also ohne die konische Verjüngung der klassischen Krawatte. Breite und Länge variierten kaum. Manche wurden zu Hause gestrickt, andere kamen aus kleinen Manufakturen. Farben wie Marineblau, Olivgrün und Dunkelrot dominierten.
Der Aufstieg zum Stilmittel in den 1930er und 1940er Jahren
In den 1930er Jahren begann sich das Bild der Strickkrawatte zu wandeln. Amerikanische Universitäten, vor allem im Nordosten der USA, etablierten einen sogenannten Ivy-League-Look, der auf Natürlichkeit und lässige Eleganz setzte. Tweedjackets, Flanellhosen und eben Strickkrawatten wurden zum Erkennungsmerkmal eines bestimmten akademischen Milieus. Die gestrickte Krawatte signalisierte: Ich bin gebildet, aber nicht steif.
Gleichzeitig begann die Sportswear-Industrie, das Stricken als Textiltechnik für Männerkleidung zu entdecken. Marken wie Pringle of Scotland, bekannt für Strickwaren, brachten aufgewertete Versionen auf den Markt. Die Qualität verbesserte sich, feinere Garne kamen zum Einsatz, und die Krawatte erhielt gelegentlich schmale Längsstreifen oder dezente Rippenmuster.
Nachkriegsjahre und die Nähe zum Jazz
Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Strickkrawatte in den USA und Europa eine zweite Welle. Jazz-Musiker und Beatniks trugen sie mit dunklen Rollkragenpullovern oder schmalem Hemd, oft ohne Jackett. Das war eine bewusste Absetzung vom formellen Geschäftsleben. Die Strickkrawatte wurde zum nonkonformen Accessoire, ohne dabei provokativ zu sein.
In Italien gewann das Accessoire in den späten 1950er Jahren an Ansehen durch den aufkommenden Stil der Dolce-Vita-Ära. Florentiner Herrenschneider und römische Hemdenmanufakturen boten Strickkrawatten als Teil eines gepflegten, entspannten Auftritts an. Die Kombination aus strukturiertem Sakko und locker fallendem Strickschlips wurde in dieser Zeit nahezu ikonisch.
Rückgang und Wiederkehr ab den 1980er Jahren
Mit dem Trend zu breiten, gemusterten Krawatten in den 1970er Jahren verlor die schmale Strickkrawatte vorübergehend an Boden. Sie wirkte schlicht, fast ärmlich, in einer Epoche, die auf optische Fülle setzte. Erst in den frühen 1980er Jahren kehrte sie zurück, diesmal als Teil des New-Wave-Looks. Bands wie Talking Heads oder Magazine trugen schmale schwarze Strickkrawatten zum weißen Hemd. Das war nicht Eleganz, sondern Reduktion als Statement.
Im Bereich des klassischen Herrenstils blieb die Strickkrawatte währenddessen eine Nischenerscheinung. Wer sich für gepflegte Männermode interessierte, konnte sie in spezialisierten Geschäften finden. Solche Anlaufstellen für klassisch gekleidete Männer, wie etwa Herr von Welt, zeigen, dass dieses Accessoire auch abseits von Massentrends seine feste Anhängerschaft hatte. Die 1990er Jahre brachten kaum neue Impulse, die Strickkrawatte galt als Übergangsphänomen.
Renaissance im 21. Jahrhundert
Ab etwa 2005 erlebte die Strickkrawatte eine ernsthafte Neubewertung. Männermodeblogger und Stilredakteure in den USA und Großbritannien griffen das Thema auf. Die Krawatte fügte sich in die wachsende Begeisterung für Workwear-Ästhetik, amerikanische Trad-Kleidung und einen handwerklichen Zugang zur Mode ein.
Heute wird die Strickkrawatte in verschiedenen Materialien angeboten:
- Wolle: am wärmsten, rustikalste Optik, ideal für Herbst und Winter
- Baumwolle: leichter, für Frühjahr und Sommer geeignet, weniger Struktur
- Seide: feinste Variante, glänzend, für formellere Anlässe
- Leinen: selten, sehr locker im Griff, ausgeprägt sommerlich
Die Breite ist ein eigenes Kapitel. Klassische Strickkrawatten messen am breiten Ende zwischen fünf und sieben Zentimetern. Schmälere Exemplare ab vier Zentimetern wirken moderner, fast sportlich. Das Ende ist fast immer gerade abgeschnitten, quadratisch also, was die Strickkrawatte sofort von gewöhnlichen Krawatten unterscheidet.
Wie trägt man eine Strickkrawatte heute?
Die Strickkrawatte verträgt keine allzu aufwendigen Knoten. Der einfache Vier-in-Hand-Knoten ist Standard, weil er zur informellen Natur des Accessoires passt. Ein halber Windsor funktioniert ebenfalls, wirkt aber mitunter zu voluminös für die weiche Struktur des gestrickten Materials.
Kombiniert wird die Strickkrawatte klassisch mit ungefütterten Sakkos oder Tweedjacketts, seltener mit dem Anzug. Zum formellen schwarzen Anzug gehört sie nicht. Als Freizeitvariante zum Hemd ohne Jackett kann sie funktionieren, braucht dann aber einen klaren, gut sitzenden Hemdbund.
Die Strickkrawatte ist kein Modetrend, der kommt und geht. Ihre Geschichte zeigt, dass sie immer dann besonders präsent war, wenn Männer nach einer Alternative zur steifen Konvention suchten, ohne sich vollständig von ihr zu entfernen. Das ist vielleicht der Grund, warum sie nie ganz verschwunden ist.






