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Gefälschte Promi-Werbung: Wenn KI Testimonials erfindet

Prominente werben für Produkte, die sie nie gesehen haben – per KI-generiertem Video. Was hinter dieser Betrugsmasche steckt und wie sie sich erkennen lässt.

Von Redaktion Wissens-Forum · 21. September 2026 · 5 Min. Lesezeit
Gefälschte Promi-Werbung: Wenn KI Testimonials erfindet
Gefälschte Promi-Werbung: Wenn KI Testimonials erfindet
Zuletzt aktualisiert am 1. Oktober 2026Ressort Gesellschaft

Ein bekannter Moderator empfiehlt im Video eine Wunderpille gegen Diabetes. Ein Formel-1-Star schwärmt von einer Krypto-Plattform, die angeblich tausende Euro Rendite pro Monat bringt. Eine Sängerin gibt Ratschläge zu einem dubiosen Finanzprodukt. Keiner von ihnen hat dieses Video je gedreht. Die Gesichter sind echt, die Stimmen klingen vertraut, der Kontext ist frei erfunden.

Was lange wie Science-Fiction klang, ist seit etwa 2022 Alltag im digitalen Werbebetrug. Deepfake-Technologie hat eine Qualitätsschwelle überschritten, die selbst geübten Zuschauern kaum noch auffällt. Die Folgen sind konkret: Menschen kaufen Produkte, die nicht existieren, überweisen Geld auf Konten, die sofort gesperrt werden, oder geben persönliche Daten preis.

Wie diese Werbung entsteht

Der technische Aufwand ist geringer, als viele vermuten. Für ein überzeugendes Deepfake-Video reichen heute wenige Minuten öffentlich zugängliches Videomaterial einer Person und ein handelsüblicher Rechner mit entsprechender Software. Plattformen wie Synthesia, HeyGen oder weniger bekannte Tools aus dem Graubereich des Internets erlauben es, Gesichter auf fremde Körper zu legen und Stimmen zu klonen. Wer einer prominenten Person zehn Minuten beim Sprechen zugehört hat, kann deren Stimme synthetisch nachbauen.

Besonders beliebt sind Personen mit hohem Vertrauenswert in der Bevölkerung: Ärzte aus dem Fernsehen, Unternehmer mit Erfolgsgeschichte, Sportler mit sauberer Karriere. Die Betreiber solcher Kampagnen kaufen Werbeplätze auf sozialen Netzwerken, oft über Zwischenhändler, und schalten die Videos gezielt an Altersgruppen aus, die statistisch häufiger auf Gesundheits- oder Finanzversprechen reagieren.

Bekannte Fälle und ihr Ausmaß

Der Fall des Investors Elon Musk ist unter Fachleuten fast schon kanonisch: Hunderte Deepfake-Videos zeigen ihn beim Bewerben von Krypto-Projekten, die er nie unterstützt hat. Meta und YouTube haben nach eigenen Angaben 2023 jeweils mehrere zehntausend solcher Videos entfernt, trotzdem tauchen täglich neue auf. Im deutschsprachigen Raum traf es unter anderem Günther Jauch, der in gefälschten Clips für ein Finanzprodukt warb, und Moderatorin Barbara Schöneberger, deren Abbild für Nahrungsergänzungsmittel missbraucht wurde. Ein Globuli-ratgeber behandelt die Wahl zwischen Globuli und Schüßler-Salzen im Alltag.

Die Schadensummen sind schwer zu beziffern, weil viele Opfer den Betrug nicht melden. Die Europäische Kommission schätzt, dass Onlinebetrug durch gefälschte Werbung in der EU jährlich Schäden im dreistelligen Millionenbereich verursacht. Der Löwenanteil entfällt dabei nicht auf große Einzelfälle, sondern auf viele kleine Beträge, die Einzelpersonen überweisen, bevor sie den Betrug bemerken.

Warum Plattformen das Problem nicht lösen

Facebook, YouTube und TikTok stehen unter erheblichem Druck, gefälschte Werbung zu erkennen und zu entfernen. Die Herausforderung: Die automatischen Erkennungssysteme der Plattformen arbeiten mit denselben KI-Methoden wie die Ersteller. Ein Deepfake, das gut genug ist, um einen Menschen zu täuschen, täuscht häufig auch den Algorithmus.

Dazu kommt ein strukturelles Problem. Werbeplätze werden über automatisierte Auktionssysteme vergeben. Zwischen dem eigentlichen Werbetreibenden und der Plattform sitzen oft mehrere Zwischenhändler. Wer am Ende für den Inhalt verantwortlich ist, lässt sich kaum noch rückverfolgen. Die Plattformen agieren nach dem Prinzip „Notice and Takedown“: Erst wenn jemand meldet, wird geprüft. Bis dahin haben Millionen Nutzer das Video gesehen.

Wer wissen möchte, wie er manipulierte Videos selbst einschätzen kann, findet beim Thema Deepfake-Werbung erkennen konkrete Hinweise auf typische visuelle Fehler und technische Merkmale, die auf Fälschungen hindeuten.

Woran man Fälschungen erkennt

Vollständige Sicherheit gibt es nicht, aber es gibt verlässliche Warnsignale. Wer ein Video mit Promi-Empfehlung sieht, sollte folgende Punkte prüfen:

  • Lippensynchronität: Bei Deepfakes stimmen Mundbewegungen und Ton oft minimal, aber spürbar nicht überein, besonders bei Zischlauten und Plosiven wie „p“ und „b“.
  • Hautstruktur: KI-generierte Gesichter wirken manchmal zu glatt oder zeigen unnatürliche Übergänge zum Haaransatz und zu den Ohren.
  • Augenbewegungen: Blinzeln und Blickrichtung folgen bei synthetischen Videos oft einem unnatürlichen Muster.
  • Kontext prüfen: Hat die Person das Produkt je öffentlich erwähnt? Gibt es eine offizielle Bestätigung auf verifizierten Kanälen?
  • Quelle des Videos: Wurde es von einem verifizierten Account hochgeladen oder von einem frisch erstellten Profil ohne Historie?

Ein einfacher Test ist die umgekehrte Bildersuche nach einem Screenshot aus dem Video. Ergibt die Suche nur dieses eine Video und keine Berichterstattung dazu, ist Skepsis angebracht.

Rechtslage und Verantwortung

In Deutschland ist das Erstellen und Verbreiten gefälschter Werbung mit echten Personenabbildern nach dem Kunsturhebergesetz, dem Wettbewerbsrecht und dem Persönlichkeitsrecht strafbar. Prominente, die Opfer solcher Kampagnen werden, können zivilrechtlich gegen Betreiber vorgehen und Schadensersatz fordern. Der Haken: Die Betreiber sitzen häufig in Ländern ohne funktionierendes Rechtshilfesystem, und die Identifizierung dauert Monate.

Die EU-Verordnung über Künstliche Intelligenz, der AI Act, schreibt ab 2025 verpflichtend vor, dass KI-generierte Inhalte als solche gekennzeichnet werden müssen. Ob das in der Praxis funktioniert, hängt von der Durchsetzung ab. Bisher fehlen Behörden sowohl Personal als auch technisches Know-how, um systematisch gegen Deepfake-Werbung vorzugehen.

Was Nutzer konkret tun können

Der wirksamste Schutz ist Skepsis gegenüber Werbung, die mit Prominenten arbeitet und ein ungewöhnlich attraktives Angebot bewirbt. Wer sich nicht sicher ist, sollte das beworbene Produkt und den Namen der Berühmtheit direkt in eine Suchmaschine eingeben. Seriöse Kooperationen sind öffentlich dokumentiert, auf offiziellen Webseiten oder in Pressemitteilungen.

Wer ein verdächtiges Video sieht, kann es direkt auf der jeweiligen Plattform melden. Bei Meta gibt es dafür unter jedem Beitrag die Option „Melden“, bei YouTube das Drei-Punkte-Menü unter dem Video. Jede Meldung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Inhalt schneller überprüft wird. Das ist keine garantierte Lösung, aber der einzige Hebel, den Privatpersonen aktuell haben.

Gefälschte Testimonials sind kein Randphänomen mehr. Sie sind ein industriell betriebenes Geschäftsmodell, das gezielt das Vertrauen ausnutzt, das Menschen in bekannte Gesichter setzen. Dieses Vertrauen zurückzugewinnen, sobald es einmal gebrochen ist, dauert lange.

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Redaktion Wissens-Forum

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